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Humanorientierung und Industrial Engineering

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Inhalt

Das ifaa-Faktenblatt erläutert, wie ein angewandtes Industrial Engineering (IE) zur Verbes­serung der Produk­tivität in Unternehmen und zu einer human­orientierten Arbeits­welt führt.

Erläuterung/Definition

Humanorientierung und Industrial Engineering

Anwendungsfelder

Aktuelle Verbreitung und zukünftige Entwicklung

Hinweise zur betrieblichen Umsetzung

Wirtschaftlichkeit

 

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Faktenblatt | 4 Seiten | PDF | 360 kB

Erläuterung/Definition

Industrial Engineering (IE): Die Wurzeln des IE liegen in der »Wissenschaftlichen Betriebsführung« (»Scientific Management«) nach Frederick W. Taylor. Er bezeichnete damit »die Aufstellung einer Menge von Regeln, Gesetzen und Formeln, welche an Stelle des Gutdünkens des einzelnen Arbeiters treten«.

Nach REFA besteht Industrial Engineering in der Anwendung von Methoden und Erkenntnissen zur ganzheitlichen Analyse, Bewertung und Gestaltung komplexer Systeme, Strukturen und Prozesse der Betriebsorganisation mit dem Ziel, sowohl Produktgestaltung als auch die Prozessgestaltung unter Beachtung des sozialen, ökonomischen und ökologischen Rahmens zu optimieren. Als Ergebnis führt angewandtes Industrial Engineering zur Verbesserung der Produktivität in den Unternehmen und zu einer humanorientierten, menschengerechten Arbeitswelt (REFA 2004).

Nach einer Analyse nationaler und internationaler Definitionen (Stowasser 2009) wird das Aufgabenspektrum des IE folgendermaßen beschrieben: Das IE

  • zielt auf eine hohe Produktivität der Führungs-, Kern- und Unterstützungsprozesse des Unternehmens ab,
  • definiert und entwickelt Soll-Zustände und Standards für Prozesse,
  • sorgt für eine hohe Transparenz, um Abweichungen vom Standard erkennen und wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen zu können und
  • nutzt hierzu geeignete Methoden sowie Instrumente und bedient sich arbeits-, ingenieur- und betriebswirtschaftlicher Kenntnisse und Grundlagen. (REFA 2016).

Heute wird mit IE ein weitgefächertes Aufgabengebiet bezeichnet, welches die ressourceneffiziente Gestaltung und Durchführung industrieller Produktions- und Logistikkonzepte beinhaltet und den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt. Nach einem starken Bedeutungsverlust in den letzten Dekaden erlebt das traditionelle IE aktuell eine Renaissance (Deuse et al. 2010).

Humanorientierung ist das Ausmaß, in dem Fairness, Altruismus, Großzügigkeit, Fürsorge und Höflichkeit gefördert und belohnt werden, belohnt werden sollen oder dürfen (Pinnow 2011).

Arbeitstätigkeiten werden dann als human bezeichnet, wenn sie die psychophysische Gesundheit nicht schädigen, das psychosoziale Wohlbefinden nicht oder lediglich vorübergehend beeinträchtigen, den Bedürfnissen und Qualifikationen der Menschen entsprechen, individuelle und/oder kollektive Einflussnahme auf Arbeitsbedingungen und Arbeitssysteme ermöglichen und zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit im Sinne der Entfaltung der Potenziale und Förderung ihrer Kompetenzen beitragen können (Ulich 2005).

Zur Beurteilung von Arbeitsgestaltung anhand der physischen und psychischen Wirkungen auf den Menschen können Ebenenschemata nach Kirchner (1972) / (Rohmert 1983) oder Hacker (1986) herangezogen werden, Abbildung 1. Erst wenn die Kriterien einer Ebene erfüllt sind, kann die Erfüllung der Kriterien der nächsten Ebene in Betracht gezogen werden (Schlick u. a. 2010). Humanorientierte Arbeitsgestaltung berücksichtigt alle Ebenen.

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Abbildung 1: Ebenenschemata der Arbeitsgestaltung (links: Rohmert 1983) und (rechts: Hacker 1986)

Humanorientierung und Industrial Engineering

Das IE trug zu Zeiten des Wirtschaftswunders im Deutschland der 1950er Jahre mit seinen Methoden zur Ermittlung von Vorgabezeiten für Kalkulation und Entgeltbestimmung wesentlich zur Steigerung der Produktivität bei. Eine thematische Erweiterung hin zur Humanorientierung erfuhr das IE in den 1970er Jahren bei der Gestaltung menschengerechter Arbeit. In dieser Phase fanden auch neue Konzepte der Arbeitsstrukturierung (z. B. Jobenlargement, Jobenrichment, Jobrotation, teilautonome Gruppenarbeit) Einzug in die Unternehmen und in das IE. Im staatlich geförderten Forschungsprogramm »Humanisierung des Arbeitslebens« wurden ab dem Jahr 1974 insbesondere Arbeitsbedingungen verbessert, die vermehrt zu Unfällen und Berufskrankheiten führten.

Gerade die Gestaltung von Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe sowie die Qualifizierung und Entwicklung von Mitarbeitern sind Kernthemen des IE. IE-Methoden und -Ansätze sind somit geeignet, die Unternehmen sowohl bei der Steigerung der betrieblichen Produktivität als auch bei der Erfüllung humanorientierter Anforderungen zu unterstützen. In Abbildung 2 werden die Gestaltungsfelder des IE in einem Arbeitssystem mit dem Ebenenmodell nach Hacker zur Beurteilung von Arbeitsgestaltung verknüpft. Es zeigt sich deutlich, in welch weitreichendem Umfang die Gestaltung von Arbeitssystemen Einfluss auf die Humanorientierung haben kann.

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Abbildung 2: Betriebliche Gestaltungsbereiche und die Ebenen der Humanorientierung (REFA 2016)

Anwendungsfelder

Eine der vornehmlichen Aufgaben des IE ist die Gestaltung der Arbeit sowohl in der industriellen Produktionsarbeit als auch bei administrativen Tätigkeiten. Beschäftigte sollen an ihrem Arbeitsplatz – analog zu den Ebenenmodellen aus Abbildung 1 – keinen kurz-, mittel- oder langfristigen Über- oder Unterforderungen ausgesetzt sein. Die Arbeit soll menschengerecht gestaltet sein, indem sie neben der Ausführbarkeit, Erträglichkeit und Zumutbarkeit auch Kriterien der Persönlichkeitsförderlichkeit erfüllt. Bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen muss das IE daher in besonderer Weise folgendes berücksichtigen:

  • Arbeits- und Betriebsmittel (Maschinen, Werkzeuge, Hardware, Software, …),
  • Umgebung (Beleuchtung, Gefahrstoffe, Klima, Lärm, Strahlung, Vibration, …),
  • Arbeitsplatz (Bewegungsraum, Greifräume, Raummaße, Stühle, Tische, …),
  • Arbeitsablauf: Arbeitszeit, -menge, -schritte, Arbeitsplatzwechsel (Jobrotation), Arbeitserweiterung (Jobenlargement), Arbeitsanreicherung (Jobenrichment), Gruppenarbeit, Pausengestaltung …) und
  • Arbeitsaufgabe (Anforderungsvielfalt, Belastungswechsel …) (REFA 2016).

Die Gestaltung und die kontinuierliche Verbesserung des Arbeitssystems unter Verwendung von Methoden ist die zentrale Aufgabe des Industrial Engineering.

Aktuelle Verbreitung und zukünftige Entwicklung

Beeinflusst durch globale Trends und lokale Anforderungen nutzen erfolgreiche Unternehmen die vielfältigen Möglichkeiten des Industrial Engineerings zur Gestaltung von humanorientierter Arbeit in allen Unternehmensebenen. Das Industrial Engineering bietet auf vielfältige Weise die Möglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Humanorientierung zu sichern.

Die Digitalisierung wird die Anwendungsmöglichkeiten von IE erweitern. Dieser Ansicht sind 76 % der Teilnehmer einer ifaa-Befragung aus dem Jahr 2017, nur 4 % verneinen diese Aussage, die restlichen 20 % können es noch nicht beurteilen (ifaa 2017). Die Renaissance des IE ist auch in der zu erwartenden zunehmend durch Digitalisierung geprägten Industrie nicht beendet. Auch hierbei müssen Mensch, Technik und Organisation in Einklang gebracht werden, was eine originäre Aufgabe des IE darstellt (MTM 2014).

Das IE übernimmt in seiner heutigen und zukünftigen Rolle nicht mehr nur »Datenerfassung« und »Zeitnahme«, sondern ist Treiber von Veränderung und dient der Gestaltung von Produktivität (REFA 2016).

Bedeutung und betriebliche Ausprägung der Humanorientierung werden zunehmen. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und die damit einhergehende stetige Veränderung des Arbeitsmarktes hin zu einem Arbeitnehmermarkt erfordern, dass die Unternehmen sich in zunehmend stärkerem Maß für ihre Attraktivität als Arbeitgeber engagieren müssen. Das IE kann bei der humanorientierten Arbeitsgestaltung über alle Ebenen hinweg unterstützen. Dies wird jedoch auch neue Perspektiven zur Produktivitätsverbesserung eröffnen.

Hinweise zur betrieblichen Umsetzung

Zur erfolgreichen Gestaltung des Industrial Engineering und der Humanorientierung im Betrieb bedarf es Industrial Engineers mit einem vielfältigen Anforderungs- und Kompetenzprofil. Der Industrial Engineer muss sowohl die wirtschaftlichen Interessen der Geschäftsleitung als auch die Bedürfnisse der Mitarbeiter hinsichtlich der Humanorientierung betrachten und ist daher Change Manager für betriebliche Verbesserungsprojekte und Bindeglied zwischen Geschäftsführung, Führungskräften und Mitarbeitern. In betrieblichen Projekten arbeitet er zudem mit verschiedenen anderen Abteilungen zusammen. Seine Arbeit erfordert vielfältige Kompetenzen:

  • Fachkompetenz,
  • Methodenkompetenz,
  • (Selbst- oder auch) Persönlichkeitskompetenz,
  • Sozialkompetenz und
  • Systemkompetenz bzw. Systemverständnis

Die problemlösungsorientierte Nutzung dieser Kompetenzfelder gilt als Schlüssel zur Handlungs- und Problemlösungsfähigkeit des Industrial Engineers (REFA 2016).

Wirtschaftlichkeit

Wirtschaftlichkeit und Humanorientierung schließen sich gegenseitig nicht aus. Die Umsetzung ergonomischer Erkenntnisse kann Wirtschaftlichkeit und Produktivität fördern und so die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sichern, weil beispielsweise:

  • weniger Arbeitsunfähigkeitstage, niedrigere Kosten und weniger Unterbrechungen des Produktionsprozesses, kürzere Durchlaufzeiten und geringere Fertigungskosten mit sich bringen und
  • gesunde, motivierte, leistungsfähige Beschäftigte, mit hohem Qualitätsbewusstsein und -anspruch arbeiten und eigenverantwortlich betriebliche Abläufe optimieren und
  • ein optimal auf die Anforderungen des Produktionsprozesses und der Mitarbeiter abgestimmtes Arbeitsumfeld Produktivität und Qualität fördert und Risiken für Sicherheit und Gesundheit reduziert.

Werden bei Arbeitsgestaltung und Personalentwicklung die Anforderungen der Ebenen der zuvor beschriebenen Modelle berücksichtigt kann dies positive Wirkungen auf die Produktivität haben. Das gilt insbesondere für die oberen Ebenen »Beeinträchtigungsfreiheit/ Zumutbarkeit« und »Persönlichkeitsförderlichkeit«. Abbildung 3 vermittelt einen Eindruck dieser vielfältigen und komplexen Wirkmöglichkeiten auf die Produktivität, also das Verhältnis von Leistung zu Faktoreinsatz.

Humanorientierung beeinflusst direkt Leistungsvermögen und -bereitschaft der Mitarbeiter, die in Abbildung 3 dunkelgrün hinterlegt sind. Diese wiederum beeinflussen über den Input-Faktor Arbeitskräfte direkt die Produktivität. Leistungsvermögen und -bereitschaft – und das damit eng verknüpfte eigenverantwortlichen Handeln der Mitarbeiter – haben jedoch zusätzlich viele weitere indirekte Wirkmöglichkeiten auf die Produktivität, die wir uns in der Regel kaum bewusst machen. Diese sind in Abbildung 3 farblich hellgrün hinterlegt. Alle diese Teilfaktoren sind prinzipiell von leistungsbereiten und eigenverantwortlich handelnden Mitarbeitern beeinflussbar.

Mitarbeiter legen bspw. im Konstruktionsprozess Maße und Materialeigenschaften von Bauteilen fest und bestimmen so die Materialkosten und den Betriebsmittelbedarf. Ebenso beeinflussen Produktionsmitarbeiter, wie gut die Betriebsmittelkapazität genutzt wird und welchem Verschleiß die Betriebsmittel unterliegen. Mitarbeiter führen auch die Produktionsvorbereitung und -planung durch. Es ist leicht vorstellbar, dass Ihre Leistungsfähigkeit, -bereitschaft und Kompetenz erheblichen Einfluss auf die Güte des Planungsergebnisses und damit auf die betriebliche Produktivität haben.

Ein Industrial Engineering, das Arbeitsplätze, Prozesse, Schnittstellen, Systeme und Kompetenzen gestaltet, hat weitreichenden Einfluss auf Humanorientierung und Wirtschaftlichkeit.

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Abbildung 3: Mögliche indirekte Wirkungen Mitarbeiter auf Teilfaktoren der Produktivität

Literatur

Deuse J, Klesius J, Mittelhuber B, Rother M: Führung mit Orientierung – Ohne Fehler keine Veränderung, Lean Booklet Teil 4, aufgerufen am 04.06.2019 unter: www.management-circle.de/download/lean-booklet-teil-4-ohne-fehler-keine-veraenderung/

Hacker, W. (1986) Arbeitspsychologie: Psychische Regulation von Arbeitstätigkeiten. Stuttgart: Huber Verlag

ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. (2010) Produktivität steigern – erfolgreich mit Industrial Engineering. Düsseldorf: ifaa

ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. (2017) ifaa-Studie Produktivitätsmanagement im Wandel – Digitalisierung in der Metall- und Elektroindustrie, Bergisch Gladbach: Heider Druck

MTM aktuell (2014) Industrial Engineers auch in der Industrie 4.0 unverzichtbar, in: MTM aktuell 4/2014

Pinnow D (2011) Unternehmensorganisationen der Zukunft: Erfolgreich durch systemische Führung, Frankfurt, New York: Campus

REFA Bundesverband e. V. (2004) Seminar Industrial Engineering – Der Schlüssel zur Produktivität. Darmstadt: REFA

REFA-Institut (2016) Arbeitsorganisation erfolgreicher Unternehmen – Wandel in der Arbeitswelt, Darmstadt: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

Rohmert, W. (1983) Formen menschlicher Arbeit. In: Rohmert u. a.: Praktische Arbeitsphysiologie. Stuttgart, New York: Georg Thieme Verlag

Schlick, C. u. a. (2010) Arbeitswissenschaft. Heidelberg: Springer Verlag

Stowasser S (2009) Produktivität und Industrial Engineering. In: Produktivität im Betrieb, Landau K (Hrsg.), S. 201-211. Stuttgart: GfA ergonomia

Ulich, E. (2005) Arbeitspsychologie. Zürich, Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag

Wittig-Goetz U (2006) Menschengerechte Arbeitsgestaltung oder Merkmale guter Arbeit, Hans-Böckler-Stiftung, aufgerufen am 05.06.2019 unter: www.boeckler.de/pdf/mbf_as_arbeitsgestaltung_2006.pdf

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