
Beschäftigung internationaler Fachkräfte
So funktionieren Rekrutierung, Anerkennung, Einreise und Onboarding
Management Summary
Ohne qualifizierte internationale Zuwanderung wird es nicht gelingen, den Fachkräfteengpass der M+E-Branche, insbesondere im MINT-Bereich, zu bewältigen. Die Daten zur Fachkräftelücke, zur Zunahme anerkannter ausländischer Abschlüsse und zur demografischen Entwicklung machen deutlich, dass Zuwanderung nicht nur eine Ergänzung, sondern eine zentrale Säule der Fachkräftesicherung ist. Unternehmen und insbesondere Personalverantwortliche erhalten mit diesem Faktenblatt sowohl eine Argumentationsgrundlage für die Anstellung internationaler Beschäftigter als auch einen strukturierten Fahrplan entlang des Sourcing- und Recruiting-Prozesses mit Verweisen auf die zuständigen Stellen und Portale. Praxisnahe Werkzeuge namhafter Institutionen und Netzwerke zur Überwindung von Hemmnissen und Hürden bei der Rekrutierung, Anerkennung und für ein gelungenes Onboarding ergänzen die behördlichen Schritte.
Einleitung
Die Metall- und Elektroindustrie (M+E-Industrie) hat schon jetzt in einigen Branchen einen erhöhten Bedarf an Arbeitskräften (KOFA 2025) Dabei erhöhen demografische Entwicklung, digitale Transformation und Energiewende den Bedarf an qualifiziertem Personal. Schon heute zeigt sich, dass die vorhandenen inländischen Potenziale nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken (iwd 2025). Daher wird die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte insb. im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu einem entscheidenden Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der Branche.
Aktuelle Fachkräftesituation

Aktuelle Daten des MINT-Frühjahrsreports 2025 (vgl. Abb. 1) verdeutlichen die Dimension des Problems: Im April 2025 lag die MINT-Fachkräftelücke bei rund 163 600 Personen, wobei die größten Engpässe in den Bereichen Energie- und Elektrotechnik (57 800), Maschinen- und Fahrzeugtechnik (32 400), Bau (26 100), Metallverarbeitung (24 200) sowie IT (11 200) bestanden (Institut der deutschen Wirtschaft 2025).
Ein zentraler Hebel, um diese Engpässe zu mildern, ist die Anerkennung im Ausland erworbener Berufsabschlüsse. Das Statistische Bundesamt meldete für 2024 insgesamt 79 100 anerkannte Berufsqualifikationen — ein Anstieg um 21 % gegenüber 2023 (Statistisches Bundesamt 2025 a). Dieser Trend zeigt, dass immer mehr ausländische Fachkräfte den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt finden. Dennoch reicht dies bislang nicht aus: 2024 arbeiteten 6,3 Mio. ausländische Beschäftigte in Deutschland (16,1 % aller Beschäftigter in der Bundesrepublik) (Mediendienst Integration 2025). Bis 2039 werden rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter erreichen (Statistisches Bundesamt 2025 b) und dem Arbeitsmarkt nicht mehr (oder in deutlich geringerem Umfang) zur Verfügung stehen. Die rückläufige Geburtenrate hat den Effekt, dass zu wenig Nachwuchs in die Erwerbstätigkeit startet und damit langfristig die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Damit verstärkt sich die Notwendigkeit, neue Arbeitskräftepotenziale zu erschließen. Die Richtgröße von rd. 400 000 Nettozuwanderungen pro Jahr ist der zentrale Orientierungswert, um das Arbeitskräfteangebot überhaupt zu stabilisieren — nicht um sämtliche Engpässe in einzelnen Berufen zu beseitigen (IAB 2021). Für die M+E-Industrie und MINT-Berufe genügt eine »Zahl X« nicht — es braucht gezielt qualifizierte Zuwanderung (insb. Elektro, Mechatronik und IT), da sonst bei hohen Nettozahlen eine fachliche Lücke bestehen bliebe. Für das Jahr 2025 lag diese Lücke bereits bei 163 600 Personen (Institut der deutschen Wirtschaft 2025).
Die Zuwanderung steigt zwar und hilft spürbar, aber bei realistischen Aktivierungs-/Qualifikationsquoten reichen selbst 400 000 zugewanderte Arbeitskräfte pro Jahr nicht allein aus, wenn der Bedarf an geeigneten Fachkräften zur Bewältigung der Transformation (Digitalisierung, Energiewende) mitberücksichtigt wird. Dazu benötigt es eine noch höhere Zuwanderung, schnellere Anerkennung, Sprachförderung und inländische Qualifizierung.
Für Unternehmen der M+E-Branche bedeutet dies, dass eine strategische Ausrichtung auf internationale Rekrutierung, Anerkennung und Integration unerlässlich ist. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass neben administrativen Fragen vor allem eine angemessene soziale Begleitung, Sprachförderung und strukturiertes Onboarding entscheidend sind.
Hindernisse bei der Rekrutierung internationaler Fachkräfte
Allerdings sind es genau diese Punkte, die für Unternehmen große Hindernisse darstellen: Grundsätzlich werden von etwa 80 % aller Unternehmen »Sorgen vor Sprachbarrieren« genannt (Pierenkemper et al. 2023, S. 14). Abbildung 2 zeigt die größten organisatorischen Hemmnisse, die Unternehmen davon abhalten, internationale Fachkräfte einzustellen. Über 70 % sehen die rechtlichen Regelungen als zu kompliziert an. Für 60 % der Unternehmen sind die (bürokratischen) Hürden der Anerkennung ausländischer Qualifikationen zu hoch und knapp ebenso viele beklagen die lange Dauer der Rekrutierungsverfahren.
Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) wissen zudem häufig nicht, wo sie geeignete Bewerber finden oder Unterstützung bei der Integration erhalten können. Auch Unsicherheiten bezüglich Aufenthaltserlaubnissen sowie die Sorge vor unseriösen Vermittlungspraktiken tragen zur Zurückhaltung von KMU bei. Unterstützungsangebote von Kammern, Wirtschaftsförderungen oder anderen Netzwerken sollten insbesondere von KMU genutzt werden, da die notwendige Expertise meist intern nicht vorhanden ist. Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge ist für Unternehmen kostenfrei und bietet Mitgliedern Unterstützung bei Rechtsfragen, Webinare, Updates zu Gesetzesänderungen und vieles mehr.
Aber nicht nur Unternehmen scheuen den hohen Aufwand bei der Rekrutierung: Laut Gesamtmetall (2025) leidet die Attraktivität Deutschlands als Arbeitsstandort auch für internationale Fach- und Arbeitskräfte, insbesondere aus Drittstaaten, u. a. durch »überbordende Bürokratie, langwierige Visaverfahren und komplexe Behördenstrukturen«.
Handlungsempfehlungen für Unternehmen
- Zielprofil schärfen
Welche Stellen sollen mit welchen Berufsqualifikationen besetzt werden?
Grundsätzlich werden reglementierte von nicht-reglementierten Berufen unterschieden. Der Profi-Filter des BMWE gibt Auskunft, welche Tätigkeiten rechtlich geschützt sind und ob neben bestimmten Qualifikationen noch weitere Voraussetzungen, zum Beispiel ein Anerkennungsverfahren (s. u.), erfüllt werden müssen.- Bedarf klären und Zuständigkeit finden mit dem Anerkennungsportal für Arbeitgeber. Der Anerkennungs-Finder klärt darüber auf, ob für den Zielberuf eine Anerkennung notwendig ist, welche Stelle zuständig (Kammer, Amt, Behörde) ist und welche Unterlagen gefordert werden. Insbesondere IT-Spezialisten können unter bestimmten Voraussetzungen ohne Berufs- oder Hochschulabschluss beschäftigt werden und einreisen. Die Blaue Karte ist ein Aufenthaltstitel für hochqualifizierte akademische Beschäftigte aus Drittstaaten, die ihnen eine vereinfachte Einwanderung ermöglicht und damit Unternehmen dabei unterstützt, gutes Personal langfristig halten zu können. Besonderheiten zur Beschäftigung ukrainischer Geflüchteter sind im Hilfeportal Germany4Ukraine zu finden.
- Reichweite in Sourcing-Kanälen aufbauen
- Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat eine hohe Reichweite und bietet in Zusammenarbeit mit der Zentralen Auslands-und Fachvermittlung (ZAV) eine aktive internationale Ansprache. Nachdem Unternehmen der ZAV qualitätsgerechte Stellenprofile (Aufgaben, Gehalt, Sprache, Arbeitsbeginn) geliefert haben, können sie sich eine Vorselektion passender Profile (Matching) zusenden lassen, woraufhin die nächsten Schritte (Interviews, Auswahl) verbindlich abgestimmt werden. In der Bewerberbörse können Unternehmen auch aktiv Profile von Arbeitsuchenden recherchieren. Die BA steht Unternehmen zudem mit persönlicher Video-Beratung zur Seite. Fragen beantwortet der BA-Arbeitgeberservice unter 0800 4 555520.
- Das Regierungsportal Make it in Germany betreibt eine eigene Jobbörse mit internationaler Reichweite und stellt Arbeitgebern diverse Handlungshilfen, Webinare, Videos und Checklisten zur Verfügung. In den Stellenanzeigen können auch gezielt Visa-/Anerkennungsinformationen des Portals verlinkt werden, was das Verständnis erhöhen und Rückfragen reduzieren kann. Zudem sollten die Ausschreibungen sowohl in deutscher als auch englischer Sprache formuliert sein, Wege zum Aufenthaltstitel aufzeigen und Informationen zum benötigten Sprachniveau enthalten.
- Weg wählen
Vorab-Anerkennung, Anerkennungspartnerschaft oder Beschleunigung? Je nach Ausgangslage und Herkunftsland (Aufenthaltserlaubnis), Beruf und Wunsch des Arbeitgebers kann auf die Anerkennung verzichtet werden, sie kann durch den Bewerber vor der Einreise abgeschlossen werden, nach der Einreise parallel zur Beschäftigung durch ein Visum zur Anerkennungspartnerschaft erfolgen oder mittels beschleunigtem Fachkräfteverfahren verkürzt werden. Weiterführende Unterstützung bietet das bq-Portal: Länder- und Berufsprofile (Ausbildungsinhalte, Systemgrafiken und Besonderheiten) helfen, Qualifikationen in Bewerbungsgesprächen fundiert einzuordnen und ggf. notwendige Ausgleichsmaßnahmen zu antizipieren.
- Unterlagen bündeln und Qualität sichern
Unternehmen können internationale Fachkräfte beim Zusammentragen, bei der Übersetzung und Beglaubigung von Abschlussurkunden und Arbeitszeugnissen unterstützen.
- Antrag stellen (oder Vereinbarung schließen)
- Der Anerkennungs-Finder nennt die für den angestrebten Beruf zuständige Stelle (teilweise ist ein digitaler Antrag möglich, so z. B. für viele IHK-Berufe). Hier können Unternehmen wie Bewerber auch Möglichkeiten prüfen, wie fehlende Kompetenzen und Qualifizierungen über Ausgleichsmaßnahmen bzw. Ausgleichsqualifizierungen kompensiert werden können.
- Bei der Anerkennungspartnerschaft unterstützt der Arbeitgeber bei Anerkennung und Qualifizierung, während die Fachkraft die Anerkennung direkt nach der Einreise beantragt.
- Für das beschleunigte Verfahren holt der Arbeitgeber die Vollmacht der Fachkraft ein, vereinbart einen Termin mit der Ausländerbehörde (je nach Landkreis/Stadt), schließt eine Vereinbarung ab und reicht alle Unterlagen gesammelt bei der Behörde ein.
- Einreise und Aufenthalt parallel planen
Idealerweise sind Anerkennung, Vertrag und Aufenthaltsrecht zeitlich aufeinander abgestimmt. Make it in Germany zeigt die Reihenfolge der Schritte. Unklarheiten beantwortet die Hotline Arbeiten und Leben in Deutschland unter +49 30 1815-1111.
- Ergebnis des Anerkennungsverfahrens
Die Behörde/Kammer oder das Amt kann die Gleichwertigkeit voll, teilweise oder nicht bestätigen. Bei einer teilweisen Bestätigung können Bewerber wesentliche Unterschiede zwischen ihrer ausländischen Berufsqualifikation und dem deutschen Referenzberuf ausgleichen, um die volle Anerkennung zu erhalten. Dafür ist nach der Anpassungsqualifizierung ein Folgeantrag notwendig.
Sind die behördlichen Verfahren erledigt, beginnt die Phase eines strukturierten Onboardings, das bereits vor dem ersten Arbeitstag startet, um einen reibungslosen Start zu ermöglichen. So Stellen Unternehmen sicher, dass alle organisatorischen, technischen und inhaltlichen Voraussetzungen rechtzeitig vorbereitet und eingerichtet sind:- In einer übersichtlichen Mappe können Unternehmen Material zusammenstellen, das Informationen zum Unternehmen, Kontaktmöglichkeiten von Ansprechpartnern, Regelungen zur Arbeitsweise und zum sozialen Miteinander enthält (Dos and Don’ts je nach Unternehmenskultur). Dies kann für internationale Fachkräfte hilfreich sein, um sich in einem neuen, ungewohnten Arbeitsumfeld schneller zurecht zu finden und sich sicherer zu fühlen.
- In einer fremden Umgebung erleichtern lokale Informationen zu Wohnungsbörsen, ärztlicher Versorgung in der Nähe, ÖPNV, Ämtern, Banken und Freizeitangeboten das Ankommen und Bleiben.
- Eine vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingerichtete Hotline ist für Bewerber mit Fragen zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Einreise, zum Aufenthalt und zu Sprachkursen unter +49 30 1815-1111 erreichbar.
- Der Besuch eines Sprachkurses ist oft unumgänglich. Die Broschüre des NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge gibt Hilfestellung bei der Suche nach einem passenden Sprachkurs sowie Fördermöglichkeiten.
- Regelmäßiger Kontakt und Nachfragen bis zum Arbeitsbeginn signalisiert Interesse und Wertschätzung.
- Eine übersichtliche Abfolge eines guten Onboarding-Prozesses liefert der INQA-Kurz-Check Onboarding ausländischer Fachkräfte.
TIPP: Die Willkommensmappe von Make it in Germany (PDF-Dokument) kann von Unternehmen personalisiert werden (z. B. Firmenprofil, Ansprechperson im Unternehmen (HR etc.), ÖPNV zum Betrieb, interne Regelungen, Essensangebote, Stadtteilinformationen, Sprachkurse in der Nähe u. v. m.)
Auch nach Arbeitsbeginn erleichtern Maßnahmen des Onboarding-Prozesses einerseits den Einstieg und tragen andererseits auch zur Stabilisierung und Entlastung der Kollegen und der Führungskräfte bei.
Meist haben internationale Beschäftigte erst kürzlich ihre Heimat verlassen und leben nun in einem Land mit einer anderen Kultur, einer fremden Sprache und anderen (auch ungeschriebenen) Gesetzen. Neben der direkten Führungskraft können auch bereits Beschäftigte diesen Prozess mitgestalten und bei der Orientierung unterstützen. Insbesondere Arbeitsweisen, Unternehmenskultur und Erwartungen unterscheiden sich von Land zu Land. Damit sich neue Fachkräfte schnell wohl und ihren Aufgaben gewachsen fühlen, können folgende Hilfsmittel herangezogen werden:
- Für verschiedene Berufe stellt das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge Vokabelhefte als Download zur Verfügung, z. B. Elektrobranche oder Lager und Logistik in Deutsch, Englisch, Arabisch, Farsi, Tigrinya, Ukrainisch, Russisch, Türkisch, Indonesisch, Vietnamesisch, Hindi, Französisch, Spanisch, Portugiesisch.
- Die Bedeutung sicherheitsrelevanter Schilder sowie Basiswissen Arbeitsschutz in Logistik und Produktion vermittelt ein Poster des Netzwerks in unterschiedlichen Sprachen.
- Für die ersten Monate kann es sinnvoll sein, engagierte und erfahrene Personen für die Bildung eines Sprachtandems zu gewinnen oder sie zu bitten, als fester Ansprechpartner und Mentor zur Verfügung zu stehen.
- Hintergrundinformationen und Praxistipps zu religiösen Themen können sowohl für das Unternehmen als auch für zukünftige Teammitglieder hilfreich sein, in dem sie Vorurteile abbauen und als Gesprächsgrundlage für das Aushandeln von Regelungen (z. B. hinsichtlich der Kleidung oder Gebetszeiten) dienen.
Fazit
Ihre Ansprechpartnerin

Nora Johanna Schüth M. Sc.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Telefon: +49 211 542263-45
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