Behavior Based Safety (BBS)

Sicherheitskultur stärken und unsichere Handlungen und/oder Unfallzahlen im Betrieb reduzieren durch verhaltensorientierte Arbeitssicherheit

Einleitung

»Sicher arbeiten — gesund nach Hause gehen«. Beschäftigte, die diesem Motto folgen, arbeiten in Betrieben, welche die Arbeitssicherheit und die Sicherheitskultur als wichtige Werte und Handlungsgrundsätze in ihren Leitlinien verankert haben, diese ernst nehmen und danach handeln. Die Arbeitssicherheit und die Sicherheitskultur in produzierenden Unternehmen sind von hoher Bedeutung für den Geschäftserfolg und die Zufriedenheit der Beschäftigten. Dennoch kann es zu Unfällen und unsicheren Handlungen im Betrieb kommen. Eine effektive Möglichkeit, unsicherere Handlungen und Unfallzahlen im Unternehmen zu senken, ist die Umsetzung der Prinzipien der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS). Dieser Faktencheck gibt einen Überblick, was BBS ist, warum sie effektiv ist und wie sie erfolgreich im Betrieb umgesetzt werden kann.

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Was ist verhaltensorientierte Arbeitssicherheit und Sicherheitskultur?

Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit ist ein Ansatz im Bereich des Arbeitsschutzes, der sich darauf konzentriert, das Verhalten der Mitarbeitenden dahingehend zu beeinflussen, Unfälle und unsichere Handlungen am Arbeitsplatz zu reduzieren. Dabei werden Verhaltensweisen analysiert, bewertet und durch Schulungen, Motivation von Beschäftigten und Verhaltensänderungen verbessert. Ziel ist es, eine Sicherheitskultur zu fördern, in der sich die Beschäftigten ihrer Verantwortung für die Arbeitssicherheit bewusst sind und sicherheitsbewusst handeln (vgl. Bördlein, 2022). Im Gegensatz zu rein technischen oder organisatorischen Maßnahmen, welche grundsätzlich vorrangig eingeführt und umgesetzt werden sollen (TOP-Prinzip), legt die verhaltensorientierte Arbeitssicherheit den Schwerpunkt auf das menschliche Verhalten und die Einstellung der Beschäftigten. Methoden wie Sicherheitsgespräche, Verhaltensbeobachtungen, Feedback und Anreizsysteme werden eingesetzt, um positive Verhaltensweisen zu verstärken und risikoreiches Verhalten zu minimieren. Sicherheitskultur bezeichnet die Gesamtheit der Werte, Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen, die in einer Organisation im Hinblick auf Sicherheit am Arbeitsplatz vorherrschen. Sie spiegelt wider, wie sehr das Thema Sicherheit in der Unternehmenskultur verankert ist und wie die Mitarbeitenden und Führungskräfte Sicherheit priorisieren und umsetzen. Eine positive Sicherheitskultur fördert bewusste Sicherheitsmaßnahmen, offene Kommunikation über Risiken und eine gemeinsame Verantwortung für die Sicherheit aller Beschäftigten. Sie ist somit ein entscheidender Faktor für die Vermeidung von Unfällen und die Schaffung eines sicheren Arbeitsumfeldes (vgl. Guldenmund, 2000).

Warum reduziert verhaltensorientierte Arbeitssicherheit erfolgreich Unfälle und unsichere Handlungen?

Die meisten Arbeitsunfälle sind auf menschliches Verhalten zurückzuführen. Daher legt die verhaltensorientierte Arbeitssicherheit den Fokus auf die Veränderung dieser unsicheren und ggf. gefährlichen Verhaltensweisen der Beschäftigten. Durch Schulungen, Sensibilisierung und das Fördern einer Sicherheitskultur werden die Beschäftigten dazu befähigt, unsichere Handlungen zu erkennen, diese zu melden und entsprechend sichere Handlungen zu erproben. Durch positive Verstärkung der sicheren Verhaltensweisen können diese langfristig etabliert werden. Damit lassen sich Unfälle und unsichere Handlungen reduzieren. Zudem hat diese Vorgehensweise eine präventive Wirkung. Durch Beobachtung und Feedback werden Risiken frühzeitig erkannt, bevor es zu Unfällen kommt. Auch wird im Rahmen von BBS häufig die Motivation der Beschäftigten gestärkt, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv an der Verbesserung der Sicherheit zu beteiligen. Nachweisliche Erfolge von BBS können anhand von Studien belegt werden. Diese zeigen, dass Unternehmen, die BBS umsetzen, signifikant weniger Unfälle und Verletzungen verzeichnen (z.B. Guldenmund, 2000, Geller, 2001, Cohen & Colligan, 1998).

Wie lässt sich das Prinzip der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit im Betrieb umsetzen?

Die Implementierung eines BBS-Programms ist ein strukturierter und systematischer Prozess, der mehrere Schritte umfasst, um eine effektive und nachhaltige Wirkung zu erzielen: Hierzu bedarf es klaren, messbaren Zielen, umfassenden Schulungen und eines starken Fokus auf positive Verstärkung. Zudem sollte sichergestellt sein, dass die zusätzlich notwendigen zeitlichen, finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung stehen. Folgende Schritte können bei der Umsetzung hilfreich sein:

KICK-OFF VERANSTALTUNG FÜR DAS LEITUNGS- BZW. STEUERUNGSTEAM: Informieren und Motivieren der Führungskräfte über die Durchführung des BBS-Programms (z.B. Klärung des Vorgehens und der Rollen, Erläuterung der Durchführung, Klärung vorhandener und benötigter Ressourcen, Festlegung von Kennwerten, Kriterien zur Erfolgsmessung).

  • KICK-OFF VERANSTALTUNG FÜR BESCHÄFTIGTE: Informieren und Begeistern der Beschäftigten für das BBS-Programm.
  • SCHULUNG UND SENSIBILISIERUNG: Beschäftigte und Führungskräfte in den Prinzipien (positive Verstärkung) von BBS schulen.
  • AUFBAU EINES BEOBACHTUNGSTEAMS: Ein kleines Team aus motivierten Beschäftigten und Führungskräften.
  • ENTWICKLUNG EINES BEOBACHTUNGSPLANS: Festlegen, welche Verhaltensweisen beobachtet werden sollen, und wie oft.
  • DURCHFÜHRUNG DER BEOBACHTUNGEN: Regelmäßige, respektvolle Beobachtungen vor Ort.
  • FEEDBACKGESPRÄCHE: Nach den Beobachtungen offene Gespräche führen, um Verhaltensweisen zu reflektieren.
  • ERFOLGSKONTROLLE: Überprüfung der Unfallzahlen und Verhaltensänderungen, um den Erfolg zu messen.
  • KONTINUIERLICHE VERBESSERUNG: Anpassung der Maßnahmen basierend auf den Ergebnissen.

Erfolgsfaktoren für die Umsetzung:

  • Wichtig für eine erfolgreiche Umsetzung ist, dass Führungskräfte mit gutem Beispiel voran gehen und ihre Vorbildfunktion ernst nehmen, also sich selbst sicherheitsbewusst verhalten.
  • Fehler als Lernchancen ansehen und nicht als Schuldzuweisungen. Nur so kann eine angstfreie, offene Lern- und Sicherheitskultur geschaffen werden, in der Beschäftigte sich trauen, unsichere Handlungen oder Situationen auch zu melden und Verhaltensweisen durch Lernen zu verändern.
  • Besonders wichtig ist ein gut funktionierendes Projektmanagement, welches ein klares Kommunikationskonzept beinhaltet. Transparenz in der Kommunikation schafft Vertrauen und hält die Beschäftigten über Fortschritte und Erfolge auf dem Laufenden.
  • Langfristig denken: Verhaltensänderungen brauchen Zeit und Kontinuität.

Praxisbeispiel

Im Rahmen einer Studie hat das ifaa — Institut für angewandte Arbeitswissenschaft an einem Pilotstandort eines produzierenden Unternehmens überprüft, ob sich durch ein hybrides Trainingskonzept in Kombination mit klassischen Ansätzen des BBS, das sichere Arbeitsverhalten, das wahrgenommene Sicherheitsklima, das Commitment zum Team, das richtige Verhalten in unsicheren Situationen und somit auch das Verhalten als »Buddy« (»Buddy-Prinzip«1 ) steigern lassen (vgl. Frost, Schüth & Bonse, 2024). Ziel war es, durch das Training das Arbeitsverhalten der Beschäftigten auf dem Shopfloor langfristig sicherer zu machen und unsichere Handlungen zu reduzieren. Hierzu wurde ein Trainingsverfahren spezifisch für die Bedürfnisse der Beschäftigten auf dem Shopfloor entwickelt. Dieses umfasste folgende Maßnahmen (Frost, Schüth & Bonse, 2025):

  • ein interner Kick-Off Workshop mit dem Projektteam,
  • ein offizieller Kick-Off Workshop mit allen Beschäftigten und Führungskräften (Abholen der Beschäftigten und Erläuterung der Ziele des Projekts),
  • zwei Workshops zur Erarbeitung von Standardarbeitsanweisungen (SOPs) sowie der Identifikation unsicherer Handlungen und der Ableitung der zu verändernden Verhaltensweisen an einer Anlage,
  • mehrere Workshops zur Stärkung des Commitments aller Beschäftigten und Führungskräfte des Pilotstandorts,
  • Definition und Umsetzung der zu verändernden Verhaltensweisen auf dem Shopfloor durch die Beschäftigten inkl. positivem Feedback durch die Führungskräfte und der Beschäftigten untereinander (BBS-Maßnahme),
  • sechs digitale Lernvideos für Beschäftigte,
  • E-Learning zum Thema verhaltensbasierte Arbeitssicherheit für Führungskräfte.


Zur Bewertung bzw. Evaluation des Trainings wurden folgende Datenerhebungen und Methoden durchgeführt:
1. Status quo Erhebungen 

  • Interviews mit Führungskräften, Begehungen, Dokumentenanalysen

2. Überprüfung der Wirksamkeit des Trainings (summative Evaluation)

  • Fragebogenerhebung zum Sicherheitsklima anhand von fünf Konstrukten (Sicherheitsklimaindex nach Bördlein (2022); Sicherheitsklima unternehmensspezifisch; Commitment gegenüber dem Team (nach Felfe & Franke (2012)); Verhalten als Buddy; Verhalten bei unsicheren Zuständen; (vgl. Frost et al. (2024))
  • Verhaltensbeobachtungen durch zwei Beobachter zu drei Messzeitpunkten (MZP)
  • Fragebogen zur Zufriedenheit der Führungskräfte mit dem gesamten Projekt

3. Überprüfung der Entwicklung und Implementierung des Trainings (formative Evaluation)

  • Fragebogen zur Zufriedenheit mit SOP- und Commitment-Workshops (für Beschäftigte)
  • Fragebogen zur Zufriedenheit mit Lernvideos (für Beschäftigte)
  • Fragebogen zur Zufriedenheit mit den E-Learnings (für Führungskräfte)

Die Ergebnisse der Überprüfung der Wirksamkeit des Trainings gaben einen klaren Hinweis darauf, dass das Trainingsverfahren die gewünschte Wirkung erzielte, indem es unsichere Handlungen reduzierte sowie Beschäftigte und Führungskräfte für das Thema Arbeitssicherheit sensibilisierte. Die Verhaltensbeobachtungen machten deutlich, dass sich über alle sechs beobachteten Verhaltensweisen hinweg die Rate der sicheren Verhaltensweisen von MZP t1 (44 %) zu MZP t3 (89 %) um 45 % steigerte. Die Fragebogenerhebungen zum Sicherheitsklima zeigten, dass die Beschäftigten den Aussagen zu einem positiven Sicherheitsklima an ihrem Standort, einem hohen Team-Commitment, einem positiven Verhalten als Buddy sowie dem richtigen Verhalten in unsicheren Situationen eher zustimmten. Die Abschlussbefragung der Führungskräfte zeigte, dass alle Führungskräfte das Training insgesamt mit der Note »sehr gut« bewerteten und angaben, dass sie das Gefühl hatten, dass das Training den Beschäftigten geholfen hat, sich sicherer zu verhalten, dass weniger unsichere Situationen auftraten und dass die Beschäftigten in unsicheren Situationen genau wussten, was zu tun ist. Die Ergebnisse zur Überprüfung der Entwicklung und Implementierung des Trainings zeigten, die Teilnehmenden der SOP-und Commitment-Workshops sehr zufrieden waren. Der Lern- und Trainingserfolg wurde von den Beschäftigten bestätigt. Diese konnten konkrete Lernerfahrungen benennen. Zu den sechs Lernvideos gaben die Beschäftigten ebenfalls positive Rückmeldungen.

Zusammenfassung und Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (BBS) und eine starke Sicherheitskultur keine isolierten Konzepte, sondern untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig verstärken. BBS dient als effektives Werkzeug dazu, die Sicherheitskultur durch die gezielte Beeinflussung von Verhaltensweisen zu stärken. Hierzu bedarf es der notwendigen Ressourcen und der Akzeptanz, dass die Einführung von BBS ein langfristiger Prozess ist, welcher Zeit benötigt. Zudem sind Führungskräfteengagement, offene Kommunikation, kontinuierliche Schulung und umfassende Mitarbeiterbeteiligung die tragenden Säulen, die sowohl BBS-Programme als auch eine positive Sicherheitskultur fördern. Von entscheidender Bedeutung ist auch die Abkehr von einer »Schuldzuweisungs-Kultur« hin zu einer Lern- und Entwicklungskultur, in der aus Fehlern gelernt und Verhalten und Prozesse verbessert werden können. Diese Grundeinstellung ist für die Wirksamkeit von BBS und die Glaubwürdigkeit der Sicherheitskultur unerlässlich. Die systematische und strukturierte Umsetzung des BBS-Programms mit Hilfe eines guten Projektmanagements sowie Kommunikationskonzepts mit klaren Zielen sowie deren Messung zur Erfolgskontrolle, versprechen zu nachhaltigen Erfolgen bei der Reduktion von unsicheren Handlungen und Unfällen zu führen. Der bestehende rechtliche Rahmen und internationale Standards bieten das notwendige Fundament und den strukturellen Rahmen für die erfolgreiche Umsetzung.

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