ifaa: Längere Erwerbsphasen gelingen nur mit betrieblich gestaltbaren Lösungen
Die Diskussion über die Rentenreform zeigt: Längere Erwerbsphasen lassen sich nicht allein über gesetzliche Vorgaben oder das Renteneintrittsalter organisieren. Entscheidend ist, ob Unternehmen die Arbeitsbedingungen so gestalten können, dass Beschäftigte ihre Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Produktivität über ein langes Erwerbsleben hinweg erhalten.
Aus Sicht des ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft müssen Rentenpolitik und betriebliche Realität deshalb stärker zusammengedacht werden. Unternehmen benötigen Spielräume, um Arbeitszeit, Arbeitsorganisation, Qualifizierung und Einsatzmöglichkeiten an unterschiedliche Tätigkeiten, betriebliche Anforderungen und individuelle Erwerbsverläufe anzupassen.
„Eine tragfähige Rentenreform muss berücksichtigen, wie Arbeit in den Betrieben tatsächlich organisiert wird“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser, Direktor des ifaa. „Länger arbeiten kann nur gelingen, wenn Beschäftigte langfristig leistungsfähig und produktiv tätig sein können. Dafür braucht es keine pauschalen Lösungen, sondern gute Arbeitsgestaltung und betriebliche Flexibilität.“
Eine längere Erwerbstätigkeit ist aus arbeitswissenschaftlicher Sicht grundsätzlich möglich. Voraussetzung ist, dass Arbeitsanforderungen, Belastungen und Kompetenzen im Verlauf des Erwerbslebens systematisch berücksichtigt werden. Dabei geht es nicht darum, Arbeit allein zu reduzieren oder einzelne Altersgruppen gesondert zu behandeln. Ziel ist eine alternsgerechte Gestaltung, die Arbeitsfähigkeit erhält und zugleich die Leistungsfähigkeit der betrieblichen Prozesse sichert.
Düsseldorf, 25.06.2026
Arbeitsorganisation muss Leistung ermöglichen
Arbeitszeitmodelle, Schichtsysteme und Aufgabenverteilungen müssen zu den jeweiligen betrieblichen Abläufen passen. Flexible Übergänge, unterschiedliche Arbeitszeitoptionen und anpassbare Tätigkeitsprofile können Unternehmen dabei unterstützen, erfahrene Beschäftigte länger im Betrieb zu halten und ihre Kompetenzen gezielt einzusetzen.
Alternsgerechte Arbeitsorganisation bedeutet dabei nicht starre Sonderregelungen. Sie schafft vielmehr die Grundlage dafür, Belastungen angemessen zu steuern, Qualifikationen wirksam einzusetzen und produktive Arbeitsabläufe dauerhaft zu sichern.
„Produktivität entsteht nicht durch die bloße Verlängerung von Erwerbszeiten“, so Stowasser. „Sie entsteht, wenn Menschen ihre Erfahrung, Qualifikation und Leistungsfähigkeit unter guten Bedingungen wirksam einbringen können.“
Ergonomie stärkt Produktivität und Einsatzfähigkeit
Auch die Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitsmitteln ist ein wesentlicher Faktor. Ergonomische Arbeitsbedingungen, belastungsarme Prozesse und eine arbeitswissenschaftlich fundierte Tätigkeitsgestaltung helfen, körperliche und psychische Beanspruchungen zu verringern.
Davon profitieren Beschäftigte und Unternehmen gleichermaßen. Wo Belastungen frühzeitig reduziert werden, können Einsatzfähigkeit, Prozessstabilität und Arbeitsqualität langfristig gesichert werden. Ergonomie ist damit kein Zusatzthema, sondern Teil einer produktiven Arbeitsgestaltung.
„Gute Arbeitsgestaltung verbindet Gesundheit, Qualität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“, betont Stowasser. „Unternehmen können damit ihre Beschäftigten länger produktiv einsetzen und gleichzeitig Wissen sowie Erfahrung im Betrieb halten.“
Erfahrung systematisch nutzen
Mit längeren Erwerbsverläufen gewinnt der gezielte Einsatz erfahrener Beschäftigter weiter an Bedeutung. Fach- und Expertenrollen, Projektaufgaben, Mentoring sowie altersgemischte Teams ermöglichen es, Erfahrungswissen im Unternehmen zu sichern und an jüngere Beschäftigte weiterzugeben.
Dazu gehören auch flexible Entwicklungspfade jenseits klassischer Karriereverläufe. Beschäftigte können ihre Kompetenzen in unterschiedlichen Funktionen einbringen, etwa in qualifizierten Fachaufgaben, im Wissenstransfer oder in projektbezogenen Tätigkeiten. Das stärkt die personelle Stabilität und erhöht die Anpassungsfähigkeit von Unternehmen.
Betriebliche Lösungen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen
Unternehmen können längere Erwerbsphasen nur dann erfolgreich gestalten, wenn gesetzliche Rahmenbedingungen betriebliche Differenzierung ermöglichen. Arbeitswissenschaftlich sinnvoll sind Lösungen, die die Vielfalt von Branchen, Tätigkeiten und Belastungsprofilen berücksichtigen.
Eine Rentenreform sollte daher nicht allein auf formale Altersgrenzen fokussieren. Sie sollte betriebliche Gestaltungsmöglichkeiten stärken und Anreize setzen, Arbeitsfähigkeit, Qualifikation und Produktivität über das gesamte Erwerbsleben hinweg zu fördern.
Auch die individuelle Gesundheitskompetenz bleibt wichtig. Sie ergänzt betriebliche Maßnahmen, kann diese aber nicht ersetzen. Beschäftigungsfähigkeit entsteht im Zusammenspiel von persönlichem Verhalten, Führung, Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung.
Fazit
Eine nachhaltige Rentenreform braucht mehr als finanzielle und rechtliche Anpassungen. Sie braucht Arbeitsbedingungen, die es Unternehmen ermöglichen, Beschäftigte langfristig gesund, qualifiziert und produktiv einzusetzen.
„Länger arbeiten ist kein Selbstzweck“, fasst Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser zusammen. „Es muss für Beschäftigte leistbar und für Unternehmen produktiv gestaltbar sein. Alternsgerechte Arbeit ist dafür eine zentrale Voraussetzung.“
Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie bei Christine Molketin unter c.molketin(at)ifaa-mail.de. Gerne vermitteln wir auch Interviews mit Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser oder unseren wissenschaftlichen Experten zu diesem und anderen aktuellen Themen.

