Arbeitswissenschaftliche Einordnung eines zweitägigen Praxisformats mit 14 Unternehmen und 186 Schülerinnen und Schülern
Das ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. hat ein zweitägiges Berufsorientierungsformat in Rheinland-Pfalz begleitet, bei dem Jugendliche die Arbeitswelt unmittelbar erleben konnten: in Unternehmen, in Lehrwerkstätten und in praxisnahen Workshops in der Schule. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Berufsorientierung wirksamer werden kann, wenn Informationen nicht nur vermittelt, sondern durch eigenes Ausprobieren, persönliche Begegnungen und konkrete Arbeitserfahrungen greifbar gemacht werden. Nora Johanna Schüth, Arbeitspsychologin am ifaa, begleitete die Umsetzung vor Ort und ordnet das Format aus arbeitswissenschaftlicher Perspektive ein. Die ifaa-Publikation „Jugendliche in den Beruf begleiten – Zukunft sichern“ zeigt dazu, wie Unternehmen junge Menschen beim Berufseinstieg gezielt unterstützen und damit einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten können. https://www.arbeitswissenschaft.net/fileadmin/Downloads/Angebote_und_Produkte/Broschueren/Broschuere_Jugendstudie_final.pdf
Der Übergang von der Schule in den Beruf stellt viele junge Menschen vor konkrete Fragen:
- Welche Berufe passen zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten?
- Welcher Weg ist der richtige? Ausbildung, Berufsfachschule oder duales Studium?
- Wie sieht Ausbildung im Unternehmen tatsächlich aus?
- Welche Anforderungen stellen Unternehmen an künftige Auszubildende?
In Rheinland-Pfalz unterstützen Jobfüxe Schülerinnen und Schüler bei genau diesem Übergang. Die Europäische Union und das Ministerium für Arbeit, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz fördern das Projekt Jobfux aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Jobfux Katharina Aulmann organisierte das Format vor Ort und brachte an zwei Tagen 14 Unternehmen mit 186 Schülerinnen und Schülern zusammen.
Win-Win für Unternehmen auf der Suche nach Nachwuchs und Jugendliche im Übergang zwischen Schule und Beruf: Die Berufsorientierungstage
Das Format bietet Praxisbezug für Schülerinnen und Schüler aus „Realschulen plus“ sowie für Jugendliche aus dem Berufsvorbereitungsjahr Sprache. Der direkte Kontakt zu Unternehmen soll ihnen dabei helfen, die Arbeitswelt nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern Anforderungen, Tätigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten unmittelbar und aus erster Hand zu erleben.
Echte Kontakte und Ausprobieren
Auch aus Sicht der Arbeitgeber ist eine frühe, praxisnahe Berufsorientierung sehr wichtig. Unternehmen müssen junge Menschen für eine Ausbildung gewinnen, berufliche Möglichkeiten sichtbar machen und dadurch langfristig Fachkräfte sichern. „Gerade deshalb ist es wichtig, Jugendliche nicht erst am Ende der Schulzeit mit Betrieben in Kontakt zu bringen, sondern frühzeitig realistische Einblicke zu ermöglichen. So können Hemmschwellen abgebaut, Berufsbilder greifbar gemacht und gegenseitige Erwartungen besser verstanden werden“, erklärt Schüth.
Das zweitägige Format „Berufsorientierung zum Anfassen – zwei Tage zwischen Schule und Betrieb“ setzt genau hier an:
Tag 1: Besuch in Unternehmen mit Tüfteln in der Lehrwerkstatt
Am ersten Programmtag besuchten die Jugendlichen zunächst das Unternehmen KLEUSBERG. Dort erhielten sie Einblicke in reale Arbeitsplätze, Arbeitsprozesse, Materialien, Maschinen und Teamstrukturen. Die Schülerinnen und Schüler konnten beobachten, Fragen stellen und besser nachvollziehen, welche Anforderungen und Tätigkeiten mit Berufen verbunden sind. Unter Anleitung von Auszubildenden bei KLEUSBERG konnten sie in der Lehrwerkstatt ein Werkstück aus Holz und Metall montieren, das sie anschließend mit nach Hause nehmen durften. Anschließend ging es für die Schulklasse zum Azurit Seniorenzentrum, in dem sie den Pflegealltag an 5 Stationen (z. B. Hebe-Hilfen, Pflegebett, Tabletten-Stellen, Vitalzeichen messen) kennenlernen konnten.
Tag 2: 14 Unternehmen machen ihre Arbeit in 80-Minuten-Workshops erlebbar
Am zweiten Tag kamen 14 Unternehmen in die „Realschule plus“ in Wissen. Jedes Unternehmen gestaltete einen eigenen Klassenraum als praxisnahen Workshopbereich. Die Jugendlichen konnten jeweils drei Workshops besuchen und sich dort über 80 Minuten hinweg intensiv mit Berufsbildern, Tätigkeiten und Anforderungen auseinandersetzen. „Anders als bei einem kurzen Gespräch an einem Messestand bleibt ausreichend Zeit, Fragen zu stellen, Arbeitsschritte auszuprobieren und ein konkreteres Bild von Ausbildung und betrieblicher Praxis zu gewinnen,“ so die Arbeitspsychologin. „Dadurch, dass die Unternehmen Werkstücke mitgebracht hatten, konnten die Jugendlichen direkt Arbeitsschritte ausprobieren, wie zum Beispiel eine technische Zeichnung anfertigen, löten oder Messungen an Schaltkreisen vornehmen.“ Dadurch entstanden erste Erfolgserlebnisse, die Interesse weckten und auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken.
„Die beiden Tage haben gezeigt: Berufsorientierung wird besonders wirksam, wenn aus Informationen konkrete Erfahrungen werden. Jugendliche konnten sehen, fragen, ausprobieren und erleben, dass sie selbst etwas schaffen“, betont Schüth. „Für Unternehmen sind solche Formate zugleich ein wichtiger Baustein der Fachkräftesicherung. Sie machen Ausbildung sichtbar, ermöglichen persönliche Begegnungen, schaffen eine erste Bindung an ein Unternehmen und helfen, junge Menschen frühzeitig für betriebliche Perspektiven zu gewinnen.“
Für die Jugendlichen wurde aus Zuschauen Mitmachen, vage Vorstellungen wurden zu konkreten Eindrücken – so kann aus Orientierung eine persönliche Perspektive entstehen.

