Leistungsfähigkeit im Alter

Was Hänschen von Hans unterscheidet

Hintergrund

Der demografische Wandel äußert sich auch im Hinblick auf die Erwerbsbeteiligung von älteren Menschen: In der Gruppe der 60- bis 64-Jährigen nahm in den letzten zehn Jahren die Erwerbsbeteiligung so stark zu wie in keiner anderen Altersgruppe, nämlich von 41 % (2010) auf 61 % (2020) [1].
Die Bedeutung des Erhalts der Leistungsfähigkeit über die gesamte Erwerbsbiografie zeigt sich vor dem Hintergrund,

  • dass das gesetzliche Renteneintrittsalter in Deutschland stufenweise auf 67 Jahre angehoben wird,
  • dass von einer weiteren Zunahme der Erwerbstätigkeit älterer Menschen auszugehen ist,
  • dass sich bis zum Jahr 2035 die erwerbsfähige Bevölkerung um rund 4 bis 6 Millionen auf 45,8 bis 47,4 Millionen verringern wird, und es sogar rund 9 Millionen Menschen im Erwerbsalter weniger wären, wenn es keine Nettozuwanderung gäbe [2].

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Welche Fähigkeiten verändern sich im Laufe des Alter(n)s?

Die körperliche Leistungsfähigkeit erreicht etwa bis zum 25. Lebensjahr ihr Maximum. Untersuchungen zeigen, dass Leistungseinbußen im mittleren Lebensalter primär auf eine inaktive Lebensweise, nicht aber auf biologische Alterung zurückzuführen sind [3]. Bei der kognitiven Leistungsfähigkeit wird unterschieden zwischen der sogenannten kristallinen und der fluiden Intelligenz.
Während kristalline Leistungen von Übung und Bildung abhängen (Sprachwissen, kulturelles und soziales Wissen), beziehen sich fluide Funktionen auf inhaltsübergreifende kognitive Funktionen (z. B. Wortflüssigkeit, Auffassungsgeschwindigkeit), die beispielsweise logisches Denken und das Lösen neuartiger Problemstellungen ermöglichen — unabhängig von bereits bestehendem Wissen. Fluide Intelligenz befähigt uns zum Lösen vieler verschiedener kognitiver Aufgaben und ist zudem an Lernprozessen beteiligt [4]. Während die fluide Intelligenz bereits ab dem dritten Lebensjahrzehnt abnimmt, bleibt die durch Lernerfahrungen und Faktenwissen ausgebildete kristalline Intelligenz bis in das hohe Erwachsenenalter stabil [5].
Wichtig dabei ist, dass mit zunehmendem Alter die Unterschiede zwischen gleichaltrigen Menschen größer werden [7]: Es zählt
nicht das Geburtsjahr (kalendarisches Alter), sondern das biologische Alter, die Fitness. Abnehmende Fähigkeiten können durch die Ausbildung beziehungsweise die Erweiterung anderer Fähigkeiten kompensiert werden [6]. Eine einseitige, defizitorientierte Sichtweise des Alterns entspricht nicht der Realität!
Generell wird davon ausgegangen, dass kognitive Leistungen altersunabhängig geübt werden können — Forscher sprechen
hier von kognitiver Plastizität [8]. Die Beschäftigung mit neuen Inhalten, zum Beispiel in Form von Bildung im Kindesalter, unterstützt die kognitive Plastizität. Auch neuartige Erfahrungen, die im späten Leben gemacht und durch ein formales Training vermittelt werden, fördern die kognitive Plastizität [9].

Alter ist nicht gleich Alter

Der Alterungsprozess verläuft zwischen den Menschen höchst unterschiedlich. Die kognitive Leistung wird durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst, wie zum Beispiel genetische Veranlagung, Lebensführung, sportliche Aktivität, berufliche Tätigkeit, Stresslevel.

Was können Unternehmen und Beschäftigte für den Erhalt der Leistungsfähigkeit tun?

Da das Arbeitsumfeld eine wichtige Einflussgröße auf die Leistungsfähigkeit darstellt [10], können und sollten Unternehmen in entsprechende Maßnahmen investieren, die sich auf die Gestaltungsfelder Arbeitsaufgabe, Arbeitsorganisation, soziale Beziehungen und Arbeitsumgebung beziehen [10]. Unterschieden wird zwischen altersgerechten Maßnahmen, die
sich an den Bedarfen bestimmter Altersgruppen oder Lebenslagen orientieren, zum Beispiel [10]

  • Aufgaben zuweisen, die Erfahrungswissen erfordern,
  • Einsatzzeiten und körperliche Belastung regulieren,
  • Zwangshaltungen, übermäßiges Beugen, Bücken und Verdrehen vermeiden.

Alternsgerechte Maßnahmen sind auf den Alterungsprozess im Ganzen ausgerichtet und beziehen sich auf das gesamte Erwerbsleben aller Altersgruppen im Unternehmen, zum Beispiel [10]

  • Unterforderung und Überforderung vermeiden,
  • Störungen und Unterbrechungen reduzieren,
  • Möglichkeiten der sozialen Interaktion schaffen,
  • Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zur Schichtplangestaltung nutzen.

Darüber hinaus können den Beschäftigten verhaltenspräventive Maßnahmen angeboten werden zu den Themen

  • gesunde Ernährung,
  • Bewegung und Sport
  • Stressmanagement-Trainings.

Ein aktiver Lebensstil, der durch eine gesunde Ernährung, regelmäßige sportliche Betätigung und den Verzicht auf Tabakund
übermäßigen Alkoholkonsum ergänzt wird, ist ideal, um früh einsetzenden Leistungseinbußen entgegenzuwirken. Dies konstant umzusetzen, liegt nach wie vor in der Verantwortung jedes Einzelnen! Unternehmen können aber durch entsprechende Sensibilisierung und Aufklärung unterstützen.
Eine Kombination aus verhältnis- und verhaltensbezogenen Maßnahmen sollte angestrebt werden.

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Catharina Stahn Wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachbereich Arbeits- und Leistungsfähigkeit ifaa

Dr. phil.
Catharina Stahn

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
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Literatur

[1] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2022) Erwerbstätigkeit älterer Menschen. www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/
Demografischer-Wandel/Aeltere-Menschen/erwerbstaetigkeit.html
Zugegriffen: 09. Juni 2022
[2] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2019) Bevölkerung im Erwerbsalter sinkt bis 2035 voraussichtlich um 4 bis 6 Millionen.
Pressemitteilung vom 27. Juni 2019 — 242/19. www.destatis.de/DE/Presse/Pressekonferenzen/2019/Bevoelkerung/pm-bevoelkerung.pdf
Zugegriffen: 09. Juni 2022
[3] Leyk D, Rüther T, Wunderlich M (et al). (2010) Leistungsfähigkeit im mittleren und höheren Lebensalter. www.aerzteblatt.de/archiv/79248/Leistungsfaehigkeit-im-mittleren-und-hoeheren-Lebensalter
Zugegriffen: 08. Juni 2022
[4] Jaeggi S. M., Buschkühl M., Jonides J. & Perrig W. J. (2008) Improving fluid intelligence with training on working memory.
Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 105(19), 6829-6833
[5] Craik F. I. M. & Bialystok E. (2006) Cognition through the lifespan: mechanisms of change. Trends in Cognitive Sciences, 10(3), 131–138.
[6] Lehr U. (2007) Psychologie des Alterns (11. korr. ed.). Wiebelsheim: Quelle & Meyer
[7] Buck H., Kistler E. & Mendius H. G. (2002) Demographischer Wandel in der Arbeitswelt: Chancen für eine innovative Arbeitsgestaltung. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-236182
Zugegriffen: 02. Juni 2022
[8] Oswald W. D. (1998) Entwicklung der Intelligenz. In E. Roth (Hrsg), Intelligenz. Grundlagen und neuere Forschung (pp. 79 –100).
Stuttgart: Kohlhammer
[9] Greenwood P. M. & Parasuraman R. (2010) Neuronal and cognitive plasticity: a neurocognitive framework for ameliorating cognitive aging. Frontiers in Aging Neuroscience, 2, 1-14.
[10] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) (Hrsg) (2017) Alterns- und altersgerechte Arbeitsgestaltung Grundlagen und Handlungsfelder für die Praxis. www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Praxis/Arbeitsgestaltung.