Buchbesprechung
Steffen Kinkel und Christoph Zanker:
Globale Produktionsstrategien in der Automobilzulieferindustrie
Die Automobilhersteller und deren Zulieferer spielen eine bedeutende Rolle, wenn es um deren Anteil an den Beschäftigten und um den erzielten Umsatz sowie die getätigten Investitionen geht. Aber es existiert auch die Befürchtung, dass dieses Gewicht aufgrund der bekannten Verlagerung von Produktionsstandorten ins Ausland abnimmt. Gleichzeitig mehren sich Zweifel, ob diese Verlagerungen letztlich die Erwartungen erfüllt haben oder ob nicht auch an den deutschen Produktionsstandorten die notwendigen Effizienzsteigerungen erzielbar gewesen wären. Mit diesen Fragen befassen sich die Autoren aus dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung seit längerem und haben in dem vorliegenden Buch eine systematische und fundierte Analyse vorgelegt. Sie wollen damit die manchmal „suboptimalen Standortentscheidungen" verbessern. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: das ist ihnen auch gelungen!
Nach einer Erläuterung des Aufbaus des Buches wird die Bedeutung der Branche auf der Basis verschiedener Erhebungen und Berechnungen dargelegt. Denn die amtlichen Statistiken auf der Basis von Branchenschlüsseln können nur die Automobilzulieferer der ersten Ebene erfassen. Bedenkt man, dass z.B. auch blechverarbeitende Unternehmen im Einzelfall letztlich Zulieferer eines Getriebeherstellers sein können, der wiederum als Zulieferer für die Automobilhersteller fungiert, wird deutlich, dass die Anzahl der Beschäftigten, deren Arbeitsplätze letztlich von der Autoherstellung abhängen, deutlich größer sein müssen als die Statistik ausweist. Die Autoren kommen mit ca. 1 Mio. Beschäftigten auf einen Wert, der etwa dem dreifachen des nach Branchenschlüssel ermittelten Wertes entspricht.
Im Kapitel 3 werden Umfang und Motive der Produktionsverlagerungen der jüngsten Vergangenheit betrachtet. Gründe für Verlagerungen sind vor allem Kostenaspekte, aber auch die Markterschließung. Aber gerade die aus Kostengründen vorgenommenen Verlagerungen bergen offensichtlich ein hohes Maß des Scheiterns, wie sich aus der Anzahl der Rückverlagerer ergibt. Denn auf jeden dritten bis fünften Automobilzulieferer, der (Teile) seiner Produktion verlagert hat, kommt eine Rückverlagerung ca. zwei Jahre später, da die Erwartungen im Hinblick auf Qualität, Lieferfähigkeit und Flexiblität nicht erfüllt wurden. Auch unterschätzte Betreuungs- und Koordinationskosten führen häufig zur Rücknahme der Produktionsverlagerung.
Das nächste Kapitel widmet sich den für eine Standortentscheidung relevanten Trends. Als solche werden betrachtet:
- Eine Zunahme des Wertschöpfungs- und Entwicklungsanteils der Zulieferer. Dadurch ergeben sich einerseits Wachstumschancen, gleichzeitig steigt aber auch der Druck der Endhersteller auf die Kosten für diese vergrößerten Anteile.
- Eine veränderte Art der Zusammenarbeit zwischen Automobilherstellern und Zulieferern. Diese ist gekennzeichnet durch Reduzierung der Anzahl der Zulieferer (single sourcing) bei gleichzeitiger größerer regionaler Anbindung der (verbliebenen) Zulieferer (Zulieferer-Park und following customer-Prinzip), Verlagerung der Qualitätsverantwortung auf die Zulieferer und zunehmender Einsatz von elektronischen Beschaffungsmärkten.
- Oligopolistische Abnehmermärkte der Automobilzulieferer. Von derzeit 13 Endherstellern wird eine Reduktion auf ca. 10 bis 2016 erwartet.
- Globalisierung der Zulieferermärkte. Hier werden vor allem Aktionen koreanischer und chinesischer Zulieferer beobachtet, die wohl noch zunehmen werden.
- Verringerung der Anzahl der Zulieferer.
- Technologische Veränderungen bei den Automobilen. Diese sind z.B. durch Hybridantriebe, verstärkter Einsatz von Kunststoffen zulasten von Stahl und stärkerer Einsatz von Elektronik-Bauteilen gekennzeichnet.
- Veränderte Produktstrategien der Endhersteller. Hierzu zählen eine zunehmende Differenzierung der Modellpaletten und kürzere Modelllebenszyklen, die derzeit im Durchschnitt sechs Jahre betragen und auf ca. drei Jahre reduziert werden könnten.
- Es werden drei Typen von Zulieferern auf der Basis der Daten zu Produktionsverlagerungen unterschieden, die mit Fallbeispielen im nächsten Kapitel erläutert werden. Diese Typen sind „home based player", die vorzugsweise an einem deutschen Standort angesiedelt sind und in ein regionales Zulieferernetz eingebunden sind, „kostenorientierte Auslandsproduzenten", die verstärkt in Niedriglohn-Ländern zur Kapazitätserweiterung investiert haben, und „markt- und kundenorientierte Auslandsproduzenten", die neue Produktionsstätten im Ausland vor allem zur Markterschließung nutzen wollen. Die zwölf Fallbeispiele werden entsprechend den drei Typen gegliedert jeweils anhand der Blöcke
- Unternehmensstrategie und Aufstellung im Markt,
- Produktionsstrategien und Standortrollen,
- Vorgehen bei Standortentscheidungen und Erfahrungen mit ausländischen Produktionsstandorten,detailliert beschrieben. Daraus werden als Erfolg versprechende strategische Positionierungen u.a. abgeleitet:
- Überdurchschnittliche Investitionen in Forschung und Entwicklung (betrifft Produkt- und Prozessinnovationen), vorzugseweise an den deutschen Standorten.
- Eine kritische Mindestmasse an Produktionsvolumen von allermindestens 3 Mio. €, besser 5 Mio. € pro Jahr.
- Realistische Anlaufzeiten für die Produktion.
- Berücksichtigung des Aufwandes für die Qualifizierung der Arbeits- und Führungskräfte des Auslandsstandortes.
Das letzte Kapitel behandelt Methoden zur fundierten Standortbewertung. Zunächst werden als relevante „Standortfaktorenbündel" die Produktionsfaktoren, wie z.B. Produktionskosten und Produktivität, die Marktfaktoren, wie z.B. räumliche Nähe zu Kunden und Absatzmärkten, die Performance-Faktoren und die Netzwerk-Faktoren hergeleitet. Diese werden dann in Beziehung zu den Entwicklungstrends, wie sie in Kapitel 4 beschrieben wurden, gesetzt. Für die Trends werden als mögliche Entwicklung zwei alternative Szenarios unterschieden. Für jedes können dann ein Kostenstrukturvergleich auf Vollkostenbasis, eine Investitionsrechnung auf Kapitalwertbasis und eine Nutzwertanalyse der erfolgskritischen Standortfaktoren vorgenommen werden. Ergänzend werden „strukturierte und erfahrungsbasierte Check- und Fragelisten" zu den wesentlichen Standortentscheidungsfaktoren angeboten. Für die beschriebenen Methoden werden von den Autoren auch vorbereitete Excel-Arbeitsblätter angeboten, die per e-mail verschickt werden. Mit der Veröffentlichung wird ein Thema aufgegriffen, dass von dem einen Autor in allgemeinerer Form schon 2004 unter dem Titel „Erfolgsfaktor Standortplanung" in vorbildlicher Weise beschrieben wurde. Die nun vorgenommene Konzentration auf die Automobilzulieferer-Industrie mit den für diese Branche zu erwartenden Entwicklungen stellt eine gute Weiterentwicklung der Arbeiten dar. Vor allem die angebotenen Berechnungshilfen erleichtern die Anwendung der Methoden sehr und finden deshalb hoffentlich breite Nutzung. So könnten einige Entscheidungen zu Standorten und deren Verlagerungen auf eine objektivierte Basis gestellt werden, und es gäbe begründetere Annahmen über zu erzielende Einsparungen. Insgesamt ist das Buch nicht nur für Interessenten aus der Automobilzulieferer-Branche hilfreich, auch auf andere Branchen lässt sich die Vorgehensweise und Systematik nutzbringend übertragen. Steffen Kinkel, Christoph Zanker: Globale Produktionsstrategien in der Automobilzulieferindustrie. Springer, 2007, 220 S., 39,95 €
Nicht eindeutig ist die Bedeutung von Personalkostenanteil und Fertigungstiefe.

